Auf der Hoyerswerda Stadtratsversammlung vom 30.06. wird ein für das ZCOM Hoyerswerda folgenschwerer Beschluss gefasst, der den bisherigen Standort des Museums und seinen Betrieb in Frage stellt.
Mit dem ZCOM-Beschluss der Ratsversammlung am Dienstagabend stand mehr zur Debatte als ein Zuschuss. Es ging nicht um 25.000 Euro, nicht um einen Haushaltstitel, nicht um ein Museum. Es ging um die Frage, ob Hoyerswerda einen möglichen Baustein seiner künftigen Identität verliert – oder ob mit dem ZCOM noch eine gemeinsame Stadtidee entstehen kann.
Der Beschluss machte den Weg frei, dass das ZCOM dort, wo es jetzt beheimatet ist, verschwindet, ein Ort, der mehr ist als Ausstellung und Sammlung: ein Stück Zuse-Stadt, ein Bildungsraum, ein Tüftellabor, ein Symbol dafür, dass Hoyerswerda nicht nur auf Abriss, Schrumpfung und Verwaltung des Mangels reduziert werden muss.
Kontur einer neuen Stadtvision
Spätestens seit das Smart Mobility Lab (SML) der TU Dresden und das Deutsche Zentrum für Astrophysik (DZA) bei uns auf der Matte stehen, wurde für das ZCOM und die Idee der Zuse-Stadt die Kontur einer funkelnden Vision sichtbar. Theoretisch. Die neuen Einrichtungen haben ihre Arbeit noch nicht vollständig aufgenommen. Aber im Sound ihrer Trommeln wurde hörbar: Deutschland, Sachsen, Hoyerswerda benötigt im Sog der digitalen Revolution junge Menschen mit Lust auf MINT – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Junge Leute, die KI, Robotik, Digitalisierung und moderne Technologien nicht nur konsumieren, sondern die MINT-Berufe als Startblock für Wertschöpfung begreifen und gestalten.
Denkt man neben der Anwesenheit des SML und des DZA noch das Lausitzer Technologiezentrum (LAUTECH) mit seinem entstehenden Bauforschungs-Technikum hinzu und denkt man dies mit dem ZCOM und seinem ziemlich attraktiven Standort zusammen, entsteht eine einfache, starke Erzählung:
Hoyerswerda als MINT-Stadt
Eine Stadt, die Technikgeschichte, Zukunftsforschung, Bildung und regionale Wertschöpfung nicht getrennt betrachtet, sondern kreativ miteinander ins Spiel bringen könnte.
Vom Nerd-Museum zur MINT-Keimzelle
Das ZCOM entstand vor über 30 Jahren aus bürgerschaftlichem Engagement, aus Sammelleidenschaft, technischem Enthusiasmus und aus dem Erbe Konrad Zuses. Sarkastisch hätte man es als Hobby-Museum alternder, männlicher Nerds lesen können. In den vergangenen Jahren aber machte das ZCOM – unter der Leitung einer jungen Frau – eine Verwandlung durch hin zu Angeboten für jüngere Generationen, für Schulklassen, Tüftlerinnen, Bastler, Neugierige. Anders gesagt: für den technischen Nachwuchs künftiger Wertschöpfungsketten der Lausitz. Eine MINT-Keimzelle für eine moderne Hogwarts-Zauberschule mit vielen Harry Potters und Hermine Grangers, Ron Weasleys und Luna Lovegoods.
Dieses Potential wurde politisch nicht deutlich genug gesehen. Vor allem (männliche) Verantwortungsträger sahen nicht, was die unterbezahlte ZCOM-Leiterin Andrea Prittmann mit ihrem kleinen unterbezahlten Team da aus dem Taufbecken hoben. Vielleicht wurde diese neue Vision vom Museum und seinen Unterstützern selbst nicht früh genug erkannt und nicht stark genug erzählt. Was aber definitiv fehlte war der gemeinsame Tisch, um daraus ein tragfähiges Konzept zu machen. Andrea Prittmann ging. Erschöpft. Resigniert. Ihre Nachfolgerin war aus den verschiedensten Gründen hoffnungslos überfordert. Und ging auch.
Ein Full House gewinnt nicht von allein
Im Poker um die Zukunft von Hoyerswerda würde man sagen: Die Stadt hatte ein Full House auf der Hand. Nur dass die Chips, die das ZCOM in die Tischmitte schob, nicht reichen, um im Einsatz um die Zukunft unserer Stadt mitbieten zu können.
Und genau jetzt sind wir beim ZCOM-Symptom: Nicht ein einzelner Akteur hat versagt. Sichtbar wird vielmehr, wie bitter-schwer sich unsere Stadt tut, zu begreifen, dass wir uns an einen viel größeren Tisch setzen müssten, wo wir unsere Trümpfe im Poker um die Zukunft rechtzeitig erkennen, zusammenlegen und daraus eine kluge und verantwortbare Poker-Strategie entwickeln.
Wenn die Kinder von Hoy heute und morgen mit KI, Robotik, Digitalisierung und Technikgeschichte quasi mit der Flasche groß werden könnten – hochkalorisch angereichert durch unsere (noch) ungewöhnlichen Angebote in Kultur, Sport und Bildung – und wir das alles mit einem originellen Wissenschafts- und MINT-Tourismus würzen – und wenn wir uns noch ein paar Chips besorgen – dann könnten wir unser „Full House“ vielleicht noch ausspielen.
Ein Wölkchen aus der Opiumpfeife?
Aber ein Full House muss man erkennen. Und ja! Man muss klären, welches Risiko verantwortbar ist, wenn man es auf den Tisch legen will.
Denn die harten Fragen bleiben: Wer trägt die begonnene Neuausrichtung? Wer bezahlt gutes Personal? Wer entwickelt ein belastbares Konzept? Welche Rolle übernehmen Stadt, Land, Wohnungsgesellschaft, Stiftung, Verein, SML, DZA, LAUTECH und weitere Partner? Wie verhindern wir, dass städtisches Geld nur den laufenden Betrieb verlängert, ohne echte Veränderung zu ermöglichen? Welche Frist braucht ein Neustart und welche überprüfbaren Ziele?
Diese Fragen sprechen nicht gegen die Vision. Sie sind die Bedingung dafür, dass aus einer Vision mehr wird als nur ein Wölkchen aus der Opiumpfeife.
Niemand meint ernsthaft: Das ZCOM braucht nur Geld, dann wird alles gut. Es braucht ein hochmotiviertes Team, besser bezahlt als das alte. Eine klare Strategie. Professionelle Begleitung. Einen Beirat mit echter Mitsprache. Und einen schnellen Start.
Was will Hoyerswerda sein?
Vielleicht ist das ja die eigentlich verborgene Frage hinter dem ZCOM-Beschluss, die sich keiner wagt zu beantworten, gelähmt vom Blick der Haushalts-Schlange: Was und wer zum Teufel will Hoyerswerda sein? Gibt es irgendeine verführerische Vision, hinter der sich alle versammeln könnten?
Eine Stadt aber, die nur reagiert, wenn Kassenlage und Sachzwänge sie treiben, die nicht ihre Karten sortiert, die nicht gemeinsam entscheidet, welche sie ausspielen will – eine solche Stadt schafft es nicht, den Berg zum Propheten zu tragen.
Die Wohnungsgesellschaft hat gute Gründe, auf ihr Kerngeschäft zu achten. Die Verwaltung hat gute Gründe, auf ihren Haushalt zu schauen. Der Stadtrat hat gute Gründe, Zuschüsse kritisch zu prüfen. Diese Sorgen sind monströs real.
Und doch bleibt die Frage: Zerreißen wir mit dem ZCOM eine potenzielle Trumpfkarte Hoyerswerdas? Nicht, weil alle Antworten vorliegen. Sondern weil sie fehlen! Und: Weil nicht gemeinsam geklärt wurde, ob aus Museum, Wissenschaft, Bildung, Wirtschaft, Stadtentwicklung und jungen Leuten eine neue Vision entstehen kann.
Mit kläglichen Arbeits-Chips am provinziellen Spieltisch sitzen?
Vielleicht ist das Symptom ja noch viel fataler als der Beschluss vermuten lässt: Jeder in der Stadt hält aus verständlichen Gründen am Hoyerswerdaer Pokertisch die eigenen Karten dicht vor der Brust. Verwaltung, Stadtrat, Wohnungsgesellschaft, Stiftung, Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft, Zivilgesellschaft – alle haben eigene Zwänge, Risiken. Alle sitzen mit vollen Hosen und kläglichen Arbeits-Chips am Spieltisch.
Der Abriss des Hochhauses am Knie ist übrigens ein Resultat genau solch eines Spiels, aus dem wir endlich lernen sollten.
Vielleicht sollten wir unseren eigenen piefig-provinziellen Pokertisch einmotten. Und uns offen einander die Karten zeigen: Was haben wir? Was fehlt uns? Was ist Wunsch? Was ist tragfähig? Was können wir riskieren? Was dürfen wir nicht riskieren? Und welche Karte sollten wir nicht vorschnell zerreißen? Und dann – dann stehen wir auf und setzen uns an einen richtig großen Spieltisch, der in Dresden oder Berlin steht oder wo auch immer.
Ein gemeinsamer Hoyerswerda Spieltisch mit anderen Regeln!
Es hilft ja nichts, unsere Stadtpolitik muss offensichtlich penetrant daran erinnert werden, wie man es zuletzt mit dem Projekt „Eine Stadt tanzt: Entscheidung“ tat: Mit dem Gesamtstädtischen regionalen Entwicklungs- und Handlungskonzept (GeREHK) liegt längst eine gemeinsame Spielstrategie vor. Vielleicht wäre jetzt der Moment, dieses als Kompass bezeichnet Buch endlich mal aus dem Regal zu holen, es zu entstauben und zu benutzen.
Ein kommunaler Entwicklungsbeirat (KEB) könnte hier möglicherweise mehr helfen als ein zaghafter Stadtentwicklungsausschuss, der nicht aus dem Knick kommt. Wir brauchen einen kreativen Werkstatt-Raum, in dem die Stadtpolitik ihre Bubble verlässt und Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Zivilgesellschaft und junge Menschen beratend konsultiert. Und hier legen alle ihre Karten auf den Tisch.
Die Stadtpolitik soll mit einem KEB nicht Verantwortung abgeben. Sondern ihre Verantwortung besser tragen können. Mit dem vergleichsweisen harmlosen Projekt „Grüner Saum“ haben wir – verdammt nochmal – bewiesen, dass es geht.
Das ZCOM hätte in einem KEB keine automatische Zukunft. Aber es hätte eine faire Prüfung – vielleicht nicht als Museum, sondern als mögliches Mitmachlabor für KI, Robotik, digitale Bildung, Technikgeschichte und regionale Nachwuchsförderung.
Vielleicht kommt diese Debatte zu spät. Vielleicht fehlt am Ende Geld, Personal, Träger, Wille oder Zeit.
Aber wir sollten uns wenigstens ehrlich sagen, was hier auf dem Spiel steht: nicht das ZCOM, sondern unsere Fähigkeit, aus unseren Möglichkeiten eine Zukunftserzählung zu bauen, mit der es Spaß macht, sich an ganz andere Pokertische zu setzen.