Vom 2. bis 3. Oktober war der Bürgerchor Hoyerswerda zu Gast im niedersächsischen Northeim.
Wir waren 47 und besetzten die ersten drei Bankreihen im hohen, halligen Kirchenschiff der St.-Sixti-Kirche, damit der Weg zum Altarraum, wo wir als Chor während des Gottesdienstes Aufstellung nehmen sollten, nicht so viel Zeit in Anspruch nahm. Die beiden anderen Northeimer Chöre saßen auf den Stuhlreihen rechts und links vom Altarraum.
Ein Verdacht
Vor uns stand ein Stehpult, daneben eine sehr große Altarkerze. Von dort aus leitete der Superintendent den Gottesdienst. Ein Schnürsenkel seiner Schuhe war offen und er zog ihn wie eine kleine Schlange mit sich, wenn er ans Pult trat oder es verließ. Zweimal standen die Schuhe von zwei unserer Frauen dahinter, als sie darüber sprachen, wie sie den 3. Oktober, die Wiedervereinigung Deutschlands empfanden. Und was 36 Jahre später davon übrigblieb. Die ältere von uns sprach über ihre Dankbarkeit, die sie trotz der Belastungen empfand, die die deutsche Einheit in ihrem Leben auslöste. Die jüngere sprach über ihre Wünsche, die für sie noch immer dringlich sind.
Ich, der Autor dieses Beitrags filmte die Rede der beiden Chormitglieder mit dem Smartphone. Als der Superintendent ans Pult trat und über seinen 3. Oktober sprach, schaltete ich aus. Warum schaltete ich aus, fragte ich mich später. War ich nicht interessiert an dem, was die Wiedervereinigung mit ihm, einem Westdeutschen machte? In mir blitzte der Verdacht auf, dass die Westdeutschen interessierter an uns Ostdeutschen sein könnten als umgekehrt. Später im Bus zurück, sprachen wir darüber und ich schien damit nicht allein zu sein. Könnten uns, den Ostdeutschen, die Westdeutschen gleichgültiger sein als wir ihnen?
Die kleine Schlange am Schuh
Der Tag der deutschen Einheit war der Anlass, weshalb wir nach Northeim reisten, in eine Stadt 20 km nördlich von Göttingen, etwa so groß wie Hoyerswerda. Ein Kulturdezernent war dort auf Gundermann aufmerksam geworden, reiste mit einer Gruppe von Northeimern nach Hoyerswerda und dann veranstalteten sie 2022 Gundermann-Kulturtage in Northeim. Ein Jahr später legten sie nach – mit einem innerdeutschen Ost-West-Kulturdialog, einer mehrmonatigen Veranstaltungsreihe. Wir haben keinen Kulturdezernenten.
Nach dem Bericht des Superintendenten über seinen 3. Oktober ging er mit seiner kleinen Schlange am Schuh hoch auf die Kanzel. Zur Predigt. Er sprach über den, der der Grund dafür ist, dass es uns als Bürgerchor überhaupt gibt – über Gerhard Gundermann. Er sprach darüber, dass Gott öfter mal in seinen Song-Texten vorkommt und zitierte: „Ich mache meinen Frieden mit dir du großer Gott / Ich nehm‘ was du mir bieten kannst, Leben oder Tod / Ich will mich nicht mehr drängeln und will mich nicht verpissen / Und wer mich angeschissen hat, will ich auch nicht mehr wissen / So fülle meinen Becher, ich trink ihn bis zur Neige / Nun gib mir schon mein Kreuz oder eine Geige“.
Er hat recht, Gott und Engel kommen in Gundermanns Texten öfter vor. Ist Gundermann Gottesdiensttauglich? Ich wüsste in Hoyerswerda niemanden, der sich das trauen würde.
Der Superintendent erwähnte dann eine Szene, die er in einem Dokumentarfilm über Gundermann und seine Heimatstadt Hoyerswerda sah. Er erzählte von einer Weltmeisterschaft im Kuchen-Wettessen. Sieger war, wessen Teller zuerst leer war. Im Film standen sich zwei Kontrahenten gegenüber, jeder mit einem großen runden Kuchen auf dem Teller, und als der Anpfiff ertönte, stopfte sich der eine den Kuchen wild in den Mund. Der andere aber ging mit seinem Teller zu den Kindern, die unter den Zuschauern saßen, bot ihnen die Kuchenstücke an – und gewann.
Wer teilt, gewinnt
Das also war gemeint. Dann trat eine Vorleserin ans Pult und las aus dem Markusevangelium: Die Speisung der Viertausend. Hinterher witzelten wir, dass die Kuchen-Wettesser-Nummer heute besser in die Bibel passe.
Natürlich täuschte sich der Superintendent. Es gab in Hoyerswerda nie eine Weltmeisterschaft im Kuchen-Wettessen mit einem so pfiffigen Wettesser. Was der Superintendent da gesehen hatte, war eine Szene aus dem Rockmärchen „Malwina“ – von Gundermann. Da war er wieder.
Während des Gottesdienstes standen wir mehrfach auf, stellten uns vorm Altarraum auf und sangen vor der Northeimer Gemeinde Gundermann: „Gras“, „Lied der Raumschiffe und Kosmonauten“ und zum Abschluss „Dickes Ende“: „Und wenn ich nicht mehr rennen kann / Da kann ich noch`n bissel gehen / Und wenn ich nicht mehr gehen kann/ Will ich hier noch`n bissel rumstehn / Wenn ich nicht mehr stehen kann / Da schaffe ich es noch zu kriechen / Und wenn ich nicht mehr liegen kann / Dann fang ich eben wieder an zu fliegen.“
Und wieder jubelten sie zum Schluss. Wie schon am Vortag, als wir mit den beiden Northeimer Chören in der Kirche ein Konzert gaben, jeder Chor drei Lieder und zusammen nochmal drei. Wir wurden mit Komplimenten überschüttet. Die schienen echt gerührt von uns und wir von denen, weil sie von uns gerührt wurden.
Das Versprechen
Der Gottesdienst klang unter Gelächter aus, als wir unsere Gastgeschenke übergaben: „Öl, das Sie hier als Möbelpolitur nutzen und das wir bei uns zu Hause essen. Bei uns heißt es nämlich: Leinöl, Kartoffeln und Quark machen die Lausitz stark.“ Einer von unseren Männern schleppte Hoyerswerda-Broschüren in hellen Leinenbeuteln herbei, auf denen „Stadtwandler“ aufgedruckt war und eine große gelb-schwarze Tasche – von Netto. Da war die Möbelpolitur drin.
Die Resonanz der Westdeutschen tat gut. Wir erlebten das nicht zum ersten Mal. Wir erlebten es in Tübingen. In Bahlingen. In Freiburg. Jedes Mal staunten sie über die Energie, die wir versprühten. Und wir staunten darüber, dass sie staunten.
Von unserer Energie durften die Northeimer weitere Kostproben nehmen: Im Gemeindehaus, in einem Theater-Café und in einer Boulevard-Bar, wo wir schwatzten, tranken, sangen und über unser Versprechen flachsten, noch als Greise im Chor singen zu wollen – selbst zu unseren Beerdigungen.
Vielleicht sind solche Reisen mit Gundermann ja wie kleine Gottesdienste, in denen wir begreifen, wie viel Lebenshunger in uns steckt. Diesmal zeigte er sich vor einer Gemeinde in einer westdeutschen Kirche – am Tag der deutschen Einheit. Und doch irritierte sie zumindest mich: diese sonderbare, fehlende Neugier auf die Westdeutschen.