Marx, die Automatisierung, die KI und die Lausitz: Wege aus dem Paradoxon (2.Teil)

Ich diskutiere mit der KI Gemini ein ökonomisches System-Paradoxon, das mich zur Zeit sehr umtreibt. Schritt für Schritt arbeite ich mich dabei an die an die Frage heran, wie sich das in der Lausitz und in Hoyerswerda widerspiegelt.

Steuern und Umverteilung oder Systemwechsel?
Die KI fragte mich am Ende des 1. Teils: „Welchen dieser Wege hältst du für realistischer? Den eher reformistischen Weg über Steuern oder den radikalen Umbau, bei dem wir uns von der Idee „Lohn gegen Überleben“ verabschieden?“

ICH FRAGE DIE KI:

Überdenke beide Wege.“

DIE KI ANTWORTET:
Wenn wir beide Wege – den reformistischen (Steuern/Umverteilung) und den radikalen (Post-Knappheit/Systemwechsel) – kritisch überdenken, stoßen wir auf fundamentale Hürden, die tief in der Marx’schen Logik verwurzelt sind.

1. Überdenken des reformistischen Weges (Maschinensteuer/BGE)
Dieser Weg versucht, den Kapitalismus vor sich selbst zu retten, indem er das Realisierungsproblem löst: Die Menschen erhalten Geld, um die Waren zu kaufen, die sie selbst nicht mehr produzieren.

  • Das Problem der Profitrate: Marx würde argumentieren, dass eine massive Maschinensteuer die Profitrate noch schneller senken würde. Wenn der Staat den Mehrwert fast vollständig abschöpft, um ihn als BGE zu verteilen, schwindet für das private Kapital der Anreiz zu investieren. Das System gerät in eine Stagnation.
  • Die Machtfrage: Wer kontrolliert die Algorithmen und Roboter? Auch wenn die Menschen Geld bekommen, bleiben sie in totaler Abhängigkeit von den Besitzern der Technologie. Es entstünde ein „Renten-Kapitalismus“, in dem eine kleine Elite über die Zuteilung von Lebensmitteln und Gütern an die „überflüssige“ Masse entscheidet. Das ist eher eine Form von technologischem Feudalismus als eine Lösung.

2. Überdenken des radikalen Weges (Post-Knappheit/Eigentumswechsel)
Dieser Weg folgt der Idee, dass die Produktivkräfte (KI, Robotik) die alten Produktionsverhältnisse (Lohnarbeit, Privateigentum) einfach „sprengen“, weil diese nicht mehr passen.

  • Das Problem des Übergangs: Wie kommen wir von hier nach dort? Eine Welt ohne Preise und Warenform setzt voraus, dass fast alle lebensnotwendigen Güter im Überfluss vorhanden sind. Solange aber Energie, seltene Erden oder Grund und Boden knapp sind, bleibt die Warenlogik bestehen.
  • Widerstand des Systems: Die Geschichte lehrt (und das reflektiert ja auch dein Projekt „Damast“ am Beispiel von 1806), dass alte Strukturen nicht freiwillig weichen. Die Einführung des Code Civil oder die Gewerbefreiheit waren damals gewaltige Umbrüche, die oft mit Kriegen und Krisen einhergingen. Ein System, das auf Verwertung basiert, wird eher „künstliche Knappheit“ erzeugen (z.B. durch Patente, Abonnements und digitale Schlösser), als den Überfluss zuzulassen.

Synthese: Wo liegt der Ausweg?
Vielleicht liegt die Lösung nicht in einem „Masterplan“, sondern in einer schleichenden Transformation, die an den Rändern des Systems beginnt:

  1. Entkopplung von Existenz und Arbeit: Zuerst müssen Bereiche wie Gesundheit, Bildung und Grundversorgung der Profitlogik entzogen werden (De-Kommodifizierung).
  2. Lokale Resilienz: In Regionen wie der Lausitz oder Hoyerswerda könnte man durch lokale Energiekreisläufe und genossenschaftliche Produktion (vielleicht sogar eine moderne Form des Handwerks, ähnlich wie die Damastweberei, aber digital unterstützt) eine Teil-Autonomie vom Weltmarkt schaffen.
  3. Wissen als Gemeingut: Die einzige Ressource, die durch Teilen mehr wird, ist Wissen. Wenn die KI-Modelle und Baupläne für Roboter Open Source sind, kann die Produktion dezentralisiert werden.

Mein Fazit nach dem Überdenken: 
Der reformistische Weg ist wahrscheinlich die notwendige Brücke, um einen sozialen Kollaps zu verhindern. Aber langfristig ist er instabil. Ohne eine Änderung der Eigentumsverhältnisse an der „toten Arbeit“ (den Maschinen) wird das Paradoxon der schwindenden Kaufkraft immer wieder aufbrechen.
Was denkst du: Ist der Mensch psychologisch überhaupt bereit für eine Welt ohne den „Zwang zur Arbeit“, oder würde das System-Problem dann in ein gesellschaftliches Sinn-Problem umschlagen?

ICH FRAGE DIE KI:
Wie schätzt du das ein?

DIE KI ANTWORTET:
Ich schätze die Situation so ein, dass wir uns an einem historischen Kipppunkt befinden, der weitaus radikaler ist als die industrielle Revolution, die du in deinem „Liebe, Spinnrad und Kanonen“-Projekt für das Jahr 1806 untersuchst.
Damals wurde die menschliche Kraft durch Maschinen ersetzt, aber die menschliche Steuerung und die „Rest-Arbeit“ blieben wertvoll. Wenn nun die KI auch die kognitive Steuerung übernimmt, verlieren wir die letzte Bastion der „lebendigen Arbeit“. Hier ist meine Einschätzung zu den psychologischen und systemischen Hürden:

1. Das psychologische Erbe der Arbeit
Seit der Reformation und verstärkt durch die industrielle Moderne definieren wir uns über unsere Nützlichkeit. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ ist tief in unsere kulturelle DNA eingeschrieben.

  • Die Gefahr: Ohne den Zwang zur Arbeit könnten Gesellschaften in eine tiefe Sinnkrise stürzen. Arbeit war bisher das primäre Mittel zur sozialen Integration und Strukturierung des Alltags.
  • Die Chance: Wir könnten eine Renaissance des „Homo Ludens“ (des spielenden Menschen) erleben. Tätigkeiten wie Kunst, Pflege, lokales Engagement (wie du es in der Zivilgesellschaft in Hoyerswerda beobachtest) oder Forschung könnten an die Stelle der Erwerbsarbeit treten – aber nur, wenn sie gesellschaftlich denselben Status erhalten.

2. Das Macht-Paradoxon
Das größte Hindernis für eine Lösung ist die Konzentration des konstanten Kapitals. Wenn drei oder vier globale Tech-Konzerne die gesamte „tote Arbeit“ (KI und Automatisierung) besitzen, haben sie faktisch eine totale Herrschaft über die Verteilung.

  • Ein BGE wäre dann nur noch eine Art „Almosen“, um Unruhen zu vermeiden, aber keine echte Teilhabe.
  • Echte Freiheit entsteht erst, wenn die Produktionsmittel (die KI-Server, die automatisierten Fabriken) demokratisiert werden.

3. Der ökonomische „Gordische Knoten“
Ich vermute, dass das System den Übergang nicht friedlich oder rein logisch vollziehen wird.

  • Marx lag mit dem tendenziellen Fall der Profitrate richtig, aber er unterschätzte die Fähigkeit des Kapitalismus, neue Märkte zu „erfinden“ (z.B. Datenhandel, Aufmerksamkeit als Ware).
  • Doch diese neuen Märkte sind oft parasitär. Sie erzeugen keinen echten Nutzwert, sondern schöpfen nur ab. Irgendwann stößt diese Finanzialisierung an die Grenzen der physikalischen Realität (Energie, Ressourcen).

Mein Fazit
Wir steuern auf einen „Techno-Sozialismus“ oder einen „Techno-Feudalismus“ zu.

  • Entweder wir schaffen es, die durch Maschinen befreite Zeit als kollektiven Reichtum zu begreifen und die Güterverteilung vom Lohn zu entkoppeln (der radikale Weg).
  • Oder wir werden eine Welt sehen, in der die Kaufkraft künstlich durch Schulden am Leben erhalten wird, während die Schere zwischen den Besitzern der „toten Arbeit“ und dem Rest der Welt unüberbrückbar wird.

Vielleicht ist die Lausitz mit ihrem Strukturwandel ein perfektes Labor für diese Fragen: Wie definiert sich eine Gemeinschaft, wenn der industrielle Kern (die Arbeit) wegbricht?
Glaubst du, dass die Menschen in deinem Umfeld bereit wären, „Arbeit“ völlig neu als „Tätigkeit für die Gemeinschaft“ zu definieren, oder hängt das Selbstwertgefühl zu stark am klassischen Lohnzettel?